jakobus

Eine „stroherne Epistel“ – so hat Martin Luther wenig liebevoll den Jakobusbrief in der Bibel genannt. Für Luther steckte in dem Brief zu viel Tun und zu wenig Glauben. Damit tat er dem Jakobusbrief sicher Unrecht. Ich finde diesen Brief eine kostbare Lektüre. Und vor allem schärft der Jakobusbrief uns Christenmenschen einen wichtigen Gedanken ein: Ja, es stimmt, am Ende bei Gott retten uns nicht die Werke, das, was wir tun, sondern allein unser Vertrauen in Gott, der gütig ist und uns auch Schuld und Fehler verzeiht. Aber Glaube ohne Tun, das geht auch nicht. Ich muss an jemand aus meiner früheren Gemeinde denken. Irgendwann ist er aus der Kirche ausgetreten. Als ich ihn noch einmal besucht hatte, erklärte er mir: „Mich ärgert das: Da nennen sich manche Christen, aber in ihrem Leben merkt man davon nicht viel. Sie gehen sogar in die Kirche – aber kaum haben sie den Gottesdienst verlassen, auf der Treppe vor der Kirche, wird schon wieder getratscht und über andere höchst lieblos geredet.“ Darum sei er ausgetreten. Das wirft die Frage auf – wie ist es um unsere Glaubwürdigkeit als Christinnen und Christen bestellt?

Mich hat es zornig gemacht: das Bild, das im April über die sozialen Netzwerke tickerte: Der russische Präsident Putin mit Osterkerze in der Hand Seite an Seite mit seinem Patriarchen Kyrill bei der Feier des Osternachtsgottesdienstes in Moskau. Und gleichzeitig unternahmen seine Soldaten selbst am Osterfest Angriffe gegen ukrainische Ziele und hielten nicht einmal eine Feiertagspause ein. Was hat er empfunden in der Kirche, was hat er sich bei der Botschaft gedacht: dass Jesus auferstanden ist um die Mächte der Finsternis in die Schranken zu weisen? Wie kann man als Verantwortlicher für einen solchen Vernichtungskrieg Ostern feiern ohne den Gedanken: Du selber könntest die Finsternis sein, von der die Bibel spricht? Und was ist das für ein Kirchenführer, der in seinen Predigten das russische Vorgehen rechtfertigt und so sehr vergessen kann, dass es Jesus um die Liebe geht und den Frieden und die Ablehnung von Gewalt und die Achtung vor dem Mitmenschen? „Seid Täter des Wortes, nicht Hörer allein“. So heißt es im Jakobusbrief (Jakobus 1,22). Das ist eine Anfrage an uns alle: wie halten wir es mit unserem Glauben – und mit unserem Tun? Der Philosoph Nietzsche begründete seinen Unglauben auch damit, dass die Christinnen und Christen „so wenig erlöst“ aussähen. Er hätte auch sagen können, dass man ihrem Tun so wenig Liebe anmerkt. Mit dem, was wir tun, können wir uns nicht einen Platz im Himmel sichern, dafür sind wir alle viel zu viel mit Fehlern und Schuld behaftet. Das hat Luther richtig gesehen. Aber mit unserem Tun können wir etwas mehr Himmel auf die Erde bringen. Und manchen Menschen helfen zum Glauben zu finden oder am Glauben festzuhalten. Es gibt reichlich zu tun! Gott setzt auf uns, und die Welt kann gar nicht genug davon bekommen! – Bleibt behütet!

Euer Pastor Gerald Rohrmann