„Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Das hat vor fast genau einem Jahr der Bundesgesundheitsminister gesagt. Geradezu prophetisch war das, aber zugleich auch mit Demut gesagt: Wir Menschen machen Fehler. Wir sind angewiesen auf ein Umfeld, das mit uns auch mal streng, aber immer barmherzig umgeht. Und auf einen Gott, der uns sein Herz schenkt.

 

„Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist“,

so lautet die Jahreslosung 2021.

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Foto: Jahreslosung: Webseite EKD

Nicht jeder hat ein Elternhaus gehabt, in dem es immer barmherzig zuging. Manche sind mit viel, mit zu viel Strenge erzogen worden. Oder haben Unduldsamkeit, mancher sogar Gewalt von seinem leiblichen Vater erlebt. Das Leben erzählt Tragödien, wenn Menschen denen, mit denen sie eigentlich am engsten verbunden sind, Barmherzigkeit schuldig bleiben. – Die Bibel erzählt von Gott ganz anders. Gewiss, gerade im Ersten Teil der Bibel begegnet Gott den Menschen auch mit Strenge und strafend. Aber in den entscheidenden Momenten wendet sich Gott den Menschen mit weitem Herzen immer wieder zu. Jesus knüpft daran an. Etwa im Gleichnis vom Verlorenen Sohn, wo der jüngste Sohn sich – was für ein dreistes Ansinnen! – zu Lebzeiten des Vaters sein Erbe auszahlen lässt, den Vater samt Hof verlässt, das Erbe in der Fremde durchbringt, in der Gosse landet, mit Wehmut an zu Hause denkt. Und dann, mit schweren Schritten und viel Schuldbewusstsein wieder heimkehrt. Er weiß keinen anderen Ausweg. Er malt sich aus, mit welchen Vorwürfen sein Vater ihn empfangen wird. Aber nichts davon geschieht: sein Vater hält schon Ausschau, läuft ihm entgegen, umarmt ihn, fragt nicht, wo das ganze Geld hin ist, sondern veranstaltet ein Fest. So ist Gott, sagt Jesus. So voller Barmherzigkeit. Seine Tür bleibt offen. Und er läuft uns auch entgegen, wenn wir gerade nur schwer die Kurve zu ihm kriegen. Und so auch ihr, sagt Jesus. Seid barmherzig! – Ein Herz füreinander haben: Wenn uns etwas diese Pandemie gelehrt hat, dann hoffentlich das! Dass es wichtig ist auch mal zurückzustehen um mit Verzicht Leben zu retten! Wie schwer wiegt es, wenn Freizeitsrechte zurückstehen müssen. Wenn uns Homeschooling und Homeoffice an die Grenzen der Kraft bringt. Wenn es an die wirtschaftliche Existenz geht! Aber der Blick in die Intensivstationen. Die Verzweiflung in den Gesichtern derer, die liebste Angehörige verloren haben. Das lässt uns spüren: Es geht nicht anders, dieser eigene Verzicht geschieht, weil wir, weil unsere Gesellschaft ein Herz hat für Menschen, deren Leben auf dem Spiel steht! Seid barmherzig! Diese Losung ist nicht nur aussagestark in Pandemiezeiten. Wenn man in sozialen Netzwerken mitliest: wieviel Häme über andere ausgeschüttet wird. Oder an der Arbeit: wenn Jobs gestrichen werden, um die Dividenden der Firmen zu erhöhen. Wenn wir im Alltag übereinander urteilen und doch kaum wissen, was der, die andere jeden Tag zu leisten hat. Wo bleibt unser Herz? Jesus sagt: Seid barmherzig. – Und das heißt auch: habt ein Herz für Menschen weltweit. Wenn wir uns um unseren Impfstoff sorgen und Afrika in weiten Teilen noch keine einzige Impfdose bestellen konnte: da ist auch ein himmelschreiendes Unrecht! Überleben auf diesem Planeten können wir nur, wenn wir nicht allein an uns denken, sondern uns Armut weltweit zu Herzen nehmen und anfangen etwas zu ändern! Wir befinden uns in der Passionszeit, an der wir an Jesu Leiden und Sterben denken. Am Kreuz trägt Jesus unsere Lasten, auch unsere manchmal füreinander so verschlossenen Herzen, unsere Schuld. Am Kreuz zeigt Jesus, wie sehr Gott uns Menschen liebt, dass er alles, sogar Leiden und Sterben mit uns teilt. Wir hadern mit einem Gott, der über uns und unser Leben einmal richten wird – dabei sind es am Kreuz die Menschen, die über den Gottessohn richten, ihn verurteilen, ohne dass er etwas Böses getan hat. Gott erträgt das, weil er ein Herz für uns hat und uns so richtet, dass er uns rettet. – Seid barmherzig! Ich werde auf viel Vergebung angewiesen sein! Vielleicht ergeht es euch ähnlich! Ihr dürft auf Gottes Barmherzigkeit zählen. Vielleicht lässt uns das großzügiger werden miteinander. Mit den Pannen des Alltags. Mit Macken und Fehlern, von denen kein Mensch frei ist. Mit Situationen, die uns zu schaffen machen. Ganz schön viel also, was uns abverlangt wird mit der Jahreslosung?! Hört einfach auf euer Herz. Und denkt an das Vaterherz, Mutterherz Gottes, das niemals aufhört: für dich – für dich – für dich: zu schlagen!

Bleibt behütet! Euer Pastor Gerald